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Im Interview: Professor Wolfgang Donsbach zur Krise des Journalismus

Mi, Jul 8, 2009

Köpfe, Medien & Journalismus

von Benjamin Pauwels

kommunikationsblog.de-Interview

prof-donsbach_web

mit Dr. Wolfgang Donsbach, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden und Autor des neu erschienen Buches “Entzauberung eines Berufs – Was die Deutschen vom Journalismus erwarten und wie sie enttäuscht werden”, UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz 2009.

Verlosung: Gewinnen Sie eines der beiden Exemplare von “Entzauberung eines Berufs”. Wie das geht erfahren Sie am Ende des Interviews …

Benjamin Pauwels (BP): Guten Tag Herr Prof. Donsbach, es freut mich, dass Sie sich Zeit für den kommunikationsblog.de genommen haben. In Ihrem neuen Buch “Entzauberung eines Berufs” stellen Sie die Ergebnisse und Schlussfolgerungen einer Umfrage zur Wahrnehmung des Journalismus in Deutschland vor. Ist es um die Glaubwürdigkeit der vierten Gewalt im Staat wirklich so schlecht bestellt wie der Buchtitel vermuten lässt?

Prof. Donsbach: Unsere Zahlen sind für Journalisten tatsächlich wenig schmeichelhaft, die Kritik der Bürger ist deutlich. Die Deutschen sind der Meinung, dass der Journalismus auf die schiefe Bahn geraten ist. Langzeitstudien haben gezeigt, dass Journalisten und den Medien immer weniger Vertrauen entgegengebracht wird. Unsere Studie bestätigt das und legt erstmals im Einzelnen offen, was genau die Bürger am Journalismus kritisieren. Nur 35 Prozent der Deutschen sagen, dass sie Journalisten vertrauen. Damit liegt der Journalismus weit abgeschlagen hinter klassischen Professionen wie dem Arzt-, Professoren- oder Lehrerberuf. Ein deutliches Warnsignal ist, dass es gerade die Jungen zwischen 18 und 24 Jahren sind, die Journalisten am wenigsten vertrauen – ein Indiz dafür, dass sich der Journalismus gerade in den letzten beiden Jahrzehnten zu Lasten seiner Vertrauens- und Glaubwürdigkeit verändert hat.

BP: Worin sehen Sie die Ursachen für eine Vertrauenskrise gegenüber dem Berufsstand Journalismus? Hat der Journalismus versagt und ist unsere demokratische Gesellschaftsordnung dadurch ernsthaft in Gefahr?

Prof. Donsbach: Das Misstrauen der Deutschen gegenüber den Medien ist auf vieles zurückzuführen, zu dem Journalisten selbst beigetragen haben, aber auch auf Phänomene, die sich außerhalb des Wirkungsbereichs professioneller Journalisten ergeben haben. Unsere Analysen zeigen, dass Journalisten als viel rücksichtsloser, egoistischer, intoleranter und unsozialer wahrgenommen werden, als die Bürger sich Journalisten wünschen. Gleichzeitig wird kritisiert, die Medien hätten zu viel Macht und Einfluss. Zentral ist, wie die Bürger das berufliche Handeln von Journalisten wahrnehmen und bewerten: Journalisten werden von einer Mehrheit als mächtiger beschrieben als Politiker. Die Bürger vermissen häufig eine objektive Berichterstattung und werfen Journalisten vor, keine ehrlichen Makler zu sein. Außerdem fordern sie die Wahrung ethischer Maßstäbe ein, sie wünschen sich mehr Distanz und Feingefühl in der Berichterstattung. Eine deutliche Mehrheit hält Journalisten für käuflich. Wenn die Unabhängigkeit als zentrale Kategorie des Journalismus in einem demokratisch verfassten Land in Frage gestellt wird, dann liegt es wirklich im Argen. Währenddessen scheint das Publikum das Gespür dafür zu verlieren, was Journalismus ist und was nicht. Dieses Problem betrifft vor allem die Unterscheidung zwischen Journalismus und PR, das Internet verschärft diesen Verlust an professioneller Identität.

entzauberungeinesberufs_rgbBP: Hat die “Entzauberung des Berufs” Journalist mit der Qualität und Diversifizierung (TV, Radio, Print, Internet) journalistischer Angebote zu tun und was bedeutet das für die Nachwuchsarbeit?

Prof. Donsbach: Die Nachrichten werden tatsächlich als zu oberflächlich und zu einseitig wahrgenommen. Auch vermeintlich publikumswirksame seichte und unterhaltsame Berichterstattung kommt deutlich weniger gut an, als dies in den Redaktionen dieser Republik gemeinhin angenommen wird. Sicher kann man einwenden, dass den großen Mehrheiten, die sich in unserer Umfrage gegen die zunehmende Boulevardisierung der Medien verwahren, Verkaufszahlen gegenüberstehen, die etwas anderes nahelegen. Aber wir glauben, dass das gar kein Widerspruch ist. Erstens bedeutet die Nutzung nicht unbedingt auch Wertschätzung einer Sache. Zweitens zeigen sich nach unseren Daten vor allem diejenigen enttäuscht, die hohe Erwartungen an die Medien haben. Gerade dieses anspruchsvolle, gebildete und kritische Publikumssegment fühlt sicht also häufig schlicht nicht mehr abgeholt. Die Medien hängen schon viel zu lange einem Qualitätsbegriff an, der in die Irre führt. Qualität ist nicht identisch damit, was sich am besten verkauft, sondern beruht auf der Wahrnehmung der Aufgaben für eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich verlässlich informieren und sich eine eigene Meinung bilden wollen.

Auch die Diversifizierung der Medien spielt beim Ansehen des Journalistenberufs eine Rolle. Aber es ist nicht so sehr die Tatsache, dass es immer mehr Medien gibt – jedenfalls so lange es sich um wirklich journalistische Produkte handelt – sondern die vielen para-journalistischen Inhalte, zum Beispiel Blogs und Netzwerke im Internet oder alle möglichen Public Relations-Produkte. Qualität dabei an keine bestimmten Medien gebunden, sondern an die Art und Weise, wie diese Inhalte zustande gekommen sind. Journalismus beruht auf professionellem Berufswissen und ganz bestimmten beruflichen Regeln – dies wird in der Ausbildung von Journalisten in Zukunft eine noch größere Bedeutung haben.

BP: Wie bewerten Sie einerseits das Internet-Phänomen “Bürgerjournalismus”, worunter alle Formen des User-generated-content fallen (Blogs; Bürgerzeitungen; Wikis, Foren)? Und wie wird dies anderseits von den befragten Probanden bewertet?

Prof. Donsbach: Die Möglichkeit für die Menschen, ihrerseits unabhängig von traditionellen Medien an die Öffentlichkeit zu treten, ist zunächst einmal ein Gewinn. Es ist ein Sieg der Meinungsfreiheit, wenn dadurch beispielsweise – wie zuletzt im Iran – Zensur und Kommunikationssperren ausgehebelt werden. Das täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass Blogs in der Regel kein Journalismus sind, sondern ein Kanal für subjektive Meinungsäußerungen ohne Beleg und Prüfung. “Bürgerjournalismus” ist journalismusähnlich, aber nicht journalismusgleich. Das Publikum allerdings zieht immer weniger eine Grenze zwischen dem, was es von professionellen Journalisten angeboten bekommt, und dem, was journalistische Laien im Netz schreiben und senden. Unter den 18- bis 24-Jährigen ist bereits knapp die Hälfte der Meinung, Blogger seien zweifelsfrei Journalisten. Es geht also die spezifische Identität, das Markenzeichen des professionellen Journalismus, immer mehr verloren. Er verliert seine Konturen in der Wahrnehmung durch die Bevölkerung. Der redaktionelle Journalismus muss sich deshalb gerade hier unterscheidbar machen von Angeboten, die wie Journalismus anmuten, es aber nicht sind.

BP: Sehen Sie die Kontrolle von qualitativ hochwertigen Informationen aus den Fugen geratend oder ist dies nicht vielmehr als medienevolutionäres Phänomen hinzunehmen, weil es Folge von Segmentierung und Fragmentierung einer modernen Wissensgesellschaft ist?

Prof. Donsbach: Gerade in einer Wissensgesellschaft muss man wissen, was stimmt und was nicht und man braucht Kriterien dafür, was wichtig ist und was nicht. Sonst geht alles nach Prinzip “Anything goes” und die subjektiven Mutmaßungen eines Bloggers hätten die gleiche Relevanz wie die tief recherchierte Nachricht eines investigativen Journalisten. Gerade die Segmentierung und Fragmentierung von Kommunikation verlangt eine gesellschaftliche Instanz, die prüft, ordnet und verantwortungsvoll und ohne Eigeninteressen mit Informationen umgeht. Das ist die Aufgabe von professionellen Journalisten.

BP: Ist es ein wünschenswertes bzw. notgedrungenes Szenario, dass sich ein Jeder die Informationen organisiert – vor allem in Zeiten des Internets -, die sich mit seinen Bedürfnisse decken?

Prof. Donsbach: Gerade weil die Mediennutzung ausfasert, brauchen wir einen Journalismus, der das Ganze im Blick behält, verlässliche Informationen liefert und Orientierung schafft. Ein demokratisches Gemeinwesen beruht auf gesellschaftlichem Diskurs, und die Medien bedienen und moderieren ihn. Studien zeigen, dass es immer weniger Bürger als ihre Pflicht betrachten, sich über das Nachrichtengeschehen, über das, was in der Welt, dem eigenen Land oder im Lokalen geschieht, auf dem Laufenden zu halten. Ohne diesen gemeinsamen Schatz an Informationen droht eine Gesellschaft jedoch auseinanderzufallen. Passgenaue Informationsangebote können einen Beitrag zu diesem Schatz leisten, wenn sie gesellschaftlich relevante Informationen nicht völlig ausblenden.

BP: Was bedeutet das für die Zukunft des Journalismus, wenn, wie derzeit, Printauflagen schrumpfen, Zeitungen vom Markt verschwinden und mangels Personal der Zeitdruck in Redaktionen steigt?

Prof. Donsbach: Die derzeitige wirtschaftliche Lage verschärft die Gefahren, die dem professionellen Journalismus durch die gerade erwähnte Entgrenzung des Berufs ohnehin drohen. Die Geschäftsführer der Medien meinen, immer zuerst beim Journalismus sparen zu müssen. Das ist inkompetent und wirtschaftlich fahrlässig. Sie sollten sich einmal Studien aus den USA ansehen, in denen auf breiter statistischer Basis folgendes nachgewiesen wurde: Zeitungen, die in ihre Redaktionen investiert haben statt dort zu sparen, haben mittelfristig ihre Marktpositionen verbessert – und zwar sowohl am Leser- wie am Anzeigenmarkt.

BP: Ich bedanke mich für das Gespräch.

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6 Antworten to “Im Interview: Professor Wolfgang Donsbach zur Krise des Journalismus”

  1. Besten an Dank an Stefan Niggemeier für die Verlinkung des Prof. Donsbach-Interviews mit seinem Blog!
    Mittwoch 12.08.2009, 10 Uhr, diskutiert Stefan Niggemeier im Deutschlandfunk mit weiteren Experten das Thema Journalismusverdrossenheit. EINSCHALTEN!

  2. Tanja sagt:

    Danke für das Interview!

  3. Hat es einen bestimmten Grund das die Studie nicht gleich verlinkt wurde?

  4. Ich hoffe die Antwort hilft Ihnen weiter: Die Studie ist das von Wolfgang Donsbach herausgegebene Buch.
    Viele Grüße, Benjamin Pauwels

  5. EXPERTENRUNDE IM DEUTSCHLANDFUNK:

    Download über den Link:
    http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/08/12/dlf_20090812_1010_c913cf8c.mp3

    Sendung: Länderzeit vom 12.08.2009, 10:10 Uhr.

    Journalisten in der Glaubwürdigkeitsfalle –
    Misstrauen immer mehr Bürger der vierten Gewalt?

    Gesprächsteilnehmer:
    - Prof. Dr. Wolfgang Donsbach, Kommunikationswissenschaftler
    - Thomas Leif, Vorsitzender Netzwerk Recherche
    - Stefan Niggemeier, freier Journalist
    - Prof. Dr. Norbert Schneider, Direktor der Landesanstalt für Medien in NRW

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