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Zur Jahresend-Besinnung

Di, Dez 22, 2009

PR & Marketing

von Klaas Kramer

klaas-kramerSie haben den Eindruck, der Kramer zählt immer nur Probleme auf und schlägt keine Lösungen vor?
„Was hat der eigentlich gegen die pragmatische lösungsorientierte Betriebswirtschaft? Ist es nicht herrlich, wenn man von der Analyse in schnellen Schritten zur Umsetzungskontrolle kommen kann?
…Diese ewig deutsche Mäkelei darüber, was alles nicht geht und was alles noch nicht rund genug läuft….“

Mainstream erschlägt
Karriere-Blueprints, die mit 22 einen Master, eine Familiengründung, ein klares Ziel und einen Vorstandsposten im Sportverein haben, sind in der Stadt in der ich lebe die Ausnahme.
Auch der Otto-Normalverbraucher, wie er in Pro Sieben Reality Sendungen gerne vorgeführt wird, ist in einer Metropole gefühlte Randgruppe.
Die Regel sind Persönlichkeiten mit Zäsuren in der Karriere, mit Brüchen im Wertgefüge in der ersten oder zweiten Jugend, Menschen, die auch einmal ein Ziel aufgeben und eine Weile in der Luft schweben.
Zäsuren und Brüche sind Lerngelegenheiten. Wer sie nutzt, schult seine Persönlichkeit. Ohne solche Gelegenheiten kann sich auch kein Sinn für Handlungsoptionen abseits des Mainstream entwickeln. Solche Alternativen sind oft mit Ambivalenz behaftet. Wer Verantwortung für andere – zwangsläufig schwächere – Menschen übernehmen soll, braucht den Sinn für Ambivalenz.
Leider wird Ambivalenz mitunter fälschlicherweise gleichgesetzt mit Schwäche.

Erfolgsblocker Mechanistik

Es gibt sie: Menschen, die sich von der mechanistischen Sprache von BWL und Marketing gerade nicht zu euphorischen Handlungen inspirieren lassen, obwohl sie das Zeug dazu hätten.
Ich arbeite viel mit Menschen, die ihre Stärken und Potenziale gerade erst dadurch entdecken, indem sie sich von falschen Erfolgstheorien befreien.
Erfolgsstrickmuster mit trivialen Ursache-Wirkungs-Behauptungen demotivieren diejenigen, die bislang nur nicht die Energie hatten, einen individuellen Weg zu gehen.
Mechanistische Fesseln sind Erfolgshindernisse, denn sie blockieren Kreativität und Entfaltung. Um diese Hindernisse zu überwinden, braucht es deutliche Worte. Die Abneigung gegenüber How-to-Texten verschafft sich in zahlreichen Amazon-Rezensionen Luft. How-to-Texte sind wie ein Dozent, der nur redet und nicht zuhören kann.

Mythos Klarheit

Die Omnipräsenz von Zielorientierung und strategisch weitsichtiger Klarheit ist ein Mythos.
Natürlich gibt es Ziele. Es gibt bilderbuchhafte Leitbilder und Visionen, es gibt klare, mitreißende Strategien und es gibt die Willenskraft, die Energie bündelt. Das alles existiert bei einem kleinen Teil von uns Menschen im Kopf und manchmal auch für einen längeren Zeitabschnitt.
Niemals gibt es das jedoch konstant und durchgehend, es muss sich täglich erarbeitet werden. Wer mit erfolgreichen und zielstrebigen Menschen spricht, wird das wissen. Alle anderen reden lieber daher, als sei es eine autosuggestive Aufgabe, die sie sich setzen. Wenn Sie eine Umfrage machen, dann würden womöglich 80 Prozent der Menschen behaupten, sie wüssten genau was sie wollen. Bitten Sie dieselben Menschen, ihre Ziele zu notieren, und zwar nach der SMART-Formel (die Sie vorher detailliert erläutern), erhalten Sie von nicht einmal einem Prozent eine klare datierte überprüfbare Zielformulierung.
Warum ist das so? Handeln und Entscheiden ist immer Trial and Error. Auf dem Weg wird das Ziel mehrmals verändert, weil man es ja vorher gar nicht so gut beschreiben kann.
Leider fühlen sich noch zu viele Menschen dazu genötigt, durch Scheinsicherheit und Pseudo-Zielstrebigkeit vermeintliche Stärke demonstrieren zu müssen.

Entlernen lernen

Nichtwissen ist der Normalfall. Wissen ist ein Zustand temporärer Illusion, den wir brauchen, um emotionale Stabilität zu bekommen. Alle Menschen oszillieren zwischen Sicherheit und Unsicherheit.
Die BWL-orientierte Erfolgsrhetorik lebt von Selbstlügen, was ein eindeutiger Beleg für vertuschte Schwäche ist.
Wer sich davon befreit, kann mehr erreichen. Davon bin ich überzeugt. Für Menschen, die in ihrer Sozialisation wichtige Phase der Persönlichkeitsentwicklung übersprungen haben, mag das eine schmerzliche aber notwendige Erkenntnis sein. Es ist das Erleben der Zäsur, Annahmen und Glaubenssätze, Überzeugungen und möglicherweise sogar Ideologien mit starkem persönlichen Bezug in Frage zu stellen und sich selbst davon dissoziieren zu können. Sie gestehen sich grundsätzliche Irrtümer ein, ohne an sich selbst zu verzweifeln.
Die Fähigkeit zu diesem Lernen 3 (würde es nach Gregory Bateson sein), also das Entlernen fundamentaler Denk- und Verhaltensmuster, kann verheerende Managementfehler und gesellschaftliche Krisen vermeiden.
Fehler und kleinere Krisen sind kein Drama, sondern notwendige Entwicklungsschritte.
Viele Menschen müssen noch lernen, mit dem Scheitern umzugehen.
Ein positives Milieu mit weniger Selbstlügen kann der erste Schritt sein.
Das kann und sollte sich jeder selbst schaffen.
Fangen Sie heute damit an.
Gutes Gelingen!

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